Titel: | Ueber artesische Salzsoolen und Gasbrunnen in China. Mitgetheilt von Dr. Johann Lhotsky. |
Fundstelle: | Band 37, Jahrgang 1830, Nr. XXXII., S. 109 |
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XXXII.
Ueber artesische Salzsoolen und Gasbrunnen in
China. Mitgetheilt von Dr. Johann
Lhotsky.
Aus Baumgaͤrtner's Journal fuͤr Physik und
Mathematik zur Aufnahme in das unsrige eingesendet.92)
Lhotsky, uͤber artesische Salzsoolen und Gasbrunnen in
China.
Wenn aus nachfolgendem Berichte die große Verbreitung artesischer Brunnen in China
hervorgeht, so wird Dieses vielleicht auch ein naͤheres Licht uͤber
die Geschichte ihrer Einfuͤhrung in Europa verbreiten. Denn es ist bekannt,
daß diese Art der Brunnengraͤberei zuerst im Jahre 1671 von Dominicus
Cassiini in Frankreich angeregt wurde.93) Da dieses nun auch jene Epoche ist, wo durch Ludwig des XIV.
Unterstuͤzung, die Verbindung jenes Landes mit China durch Missionen, und
ihre Berichte vorzuͤglich lebhaft war, so koͤnnte es wohl seyn, daß
vorgenanntem großen Mathematiker diese Idee durch einen Anklang von dorther
suggerirt worden waͤre. Doch blieb es erst der neuesten Zeit vorbehalten,
diese so gluͤkliche Idee vollstaͤndig in's Leben einzufuͤhren,
denn vor wenig Jahren war man selbst in Frankreich noch der Meinung, daß nur die
Gegend um Arras in der ehemaligen Provinz Artois (woher sie auch ihren Namen haben)
zur Bohrung der artesischen Brunnen geeignet sey.94) Wenn nun aus nachfolgendem Berichte hervorgehen wird, daß diese in China in großer
Menge bestehen, so koͤmmt noch dazu, daß sie dort zur Gewinnung von Salzsoole
im Gebrauch sind, und zu einer Tiefe ausgehoͤhlt seyn sollen, die bisher bei
uns nicht wohl erreicht wurde. Und wenn es endlich ein (in der neueren Zeit)
haͤufiger beachtetes Factum ist, daß in der Nahe von Salzquellen auch
verschiedene Gasarten (namentlich kohlensaures und Schwefelwasserstoff-)
hervorbrechen;95) so sehen wir in China auch diese leztere Luftart, und zwar auf eine
ausgedehnte und erstaunungswuͤrdige Art benuͤzt.
Schon im zweiten Bande der léttres édifiantes befand sich ein, obgleich
sehr kurzer, Bericht des Bischofs von Tabraka, wo er dieser chinesischen Salzbrunnen
erwaͤhnt. Weit ausgedehnter ist die Beschreibung, die Hr. Imbert, missionaire
apostolique, von diesen Brunnen gibt, und wir glauben in ihr keine
Anzeichen einer Unwahrheit zu finden. Vorgenannter Hr. Imbert meldet in einem Briefe vom September 1826 aus der Stadt
Ou-Tong-Kiao bei Kiating in der Provinz Su-Tchuen
Folgendes:96)
„Handel und Betriebsamkeit versammeln hier eine Unzahl von Menschen aus
allen Theilen des Reiches. In einer Laͤnge von 10, und einer Breite von
4–5 Stunden findet man einige Zehntausend
dieser Salzbrunnen. Jeder etwas wohlhabende Mann verbindet sich mit irgend einem
andern, und graͤbt einen oder mehrere Brunnen, wovon einer
ungefaͤhr Tausend und einige Hundert Taëls (zu 7 1/2 Franken)
kostet. Diese Nation macht alles im Kleinen, und gelangt mit Zeit, Geduld und
weniger Kosten als wir zu ihrem Zweke. Sie kennen die Kunst, Felsen durch Minen
zu sprengen, nicht, und doch sind diese Brunnen in Felsen. Sie haben 1000, 1800,
ja manchmal 2000 franzoͤsische Fuß Tiefe,97) und nicht mehr als 5'', hoͤchstens 6'' Oeffnung. Sie verfahren
dabei folgender Maßen: Wenn die Oberflaͤche aus 3 bis 4' tiefer Erde
besteht, so bringt man eine Roͤhre von Holz hinein, uͤber welche
ein Quaderstein koͤmmt, der die gewuͤnschte Oeffnung von 5 bis 6''
hat; in der Roͤhre laͤßt man eine Ramme oder Keule von Stahl, von
300 bis 400 Pfd. Schwere spielen. Diese Ramme ist ringsum eingekerbt, oben etwas
concav, unten rund. Ein starker, leicht gekleideter Mann steigt auf ein
Geruͤste, und tanzt den ganzen Morgen auf einem Schnellbalken, welcher
diese Stahlramme auf 2' Hoͤhe erhebt, und sie dann von ihrer eigenen
Schwere wieder fallen laͤßt. Man gießt manchmal einige Schaff Wasser in
das Loch, um das Steinmehl zu naͤssen. Diese Stahlkeule ist durch einen
tuͤchtigen Rotangstrik befestiget, nur so dik wie ein Finger, aber
starker als unsere Darmstrike. Dieser Strik ist an den Schnellbalken angemacht;
man befestiget dort ein Triangel von Holz/ und ein anderer Mensch sizt an diesem
Strike. In dem Maße, als der Schnellbalken aufsteigt, nimmt er das Triangel, und
laͤßt es einen halben Zirkel beschreiben, damit die Stahlramme in einer
entgegengesezten Richtung faͤllt. Zu Mittag loͤsen sich die zwei
Arbeiter ab, und werden Abends von zwei anderen ersezt. Wenn sie 3'' gegraben
haben, so zieht man diese Stahlramme mit allem Gestein, wovon sie beschwert ist
(denn sie ist, wie gesagt, oben concav), durch Huͤlfe eines Cylinders
heraus, worauf der Strik gerollt wird. Oft ist nicht alles bis in die
noͤthige Tiefe Felsen, sondern Erd- und Kohlenlager etc.; dann
wird die Arbeit sehr schwierig und oft nuzlos; denn da diese Steinarten keinen
gleichen Widerstand darbieten, so verliert das Loch seine senkrechte Richtung,
aber dieß geschieht selten. Sonst sind diese Brunnen oder Roͤhren ganz
senkrecht, und geschliffen wie Glas. Bricht der Ring, an welchem die Stahlramme
aufgehaͤngt ist, so braucht man 5 bis 6 Monate, um durch Huͤlfe
anderer die erstere zu zermalmen und heraus zu schwemmen. Wenn der Felsen ganz
zu dieser Arbeit tauglich ist, so bohrt mall alle 24 Stunden gegen 2 Fuß. Es
dauert aber wenigstens drei Jahre, bis ein Brunnen fertig wird.98) Um Wasser herauf zu bringen, stekt man in das Brunnenloch eine 24' lange
Bambusroͤhre, an deren Ende ein Ventil ist; wenn diese Roͤhre am
Boden des Brunnen angelangt ist, sezt sich ein starker Mann auf den Strik, und
bewegt ihn heftig; jede Bewegung oͤffnet das Ventil, Und macht das Wasser
steigen. Wenn die Roͤhre voll ist, so wird ein großer Cylinder in Gestalt
einer Rolle von 50' Umfang, auf welchen der Strik laͤuft, von 2, 3 bis 4
Ochsen oder Buͤffeln gedreht, und die Roͤhre steigt; dieser Strik
ist auch von Rotang. Das Wasser ist sehr soolig, und gibt bei der Verdunstung
1/5, manchmal 1/4 Thl. Salz. Das Salz ist sehr scharf und ungesund.“
„Die Luft, die aus diesen Brunnen kommt, ist entzuͤndlich. Wenn man
eine Fakel in dem Augenblike, als die mit Wasser gefuͤllte Roͤhre
oben anlangt, an die Muͤndung des Brunnens brachte, so wuͤrde sie
sich zu einem Feuerstrahle von 20 bis 30' entzuͤnden, und die ganzen
Bauten mit der Schnelligkeit des Blizes verbrennen. Dieß geschieht manchmal aus
Nachlaͤssigkeit oder boͤser Absicht. Es gibt solche Brunnen, die
man nicht auf Wasser, sondern auf Feuer benuͤzt, man nennt sie Feuerbrunnen. Ein kleines Bambusrohr (diese Flamme
greift es nicht an) sperrt die Muͤndung der Brunnen, und leitet die
brennbare Luft nach Belieben; man entzuͤndet sie mit einer Kerze, und sie
brennt immer so fort. Die Flamme ist blaͤulich, 3 bis 4'' hoch und 1''
breit. Sie verlischt nur, wenn man ein Stuͤk Thon auf die Oeffnung gibt,
oder durch ein starkes Blasen. Will man Wasser aus so einem Brunnen ziehen, so
verloͤscht man die Flamme, weil sonst das mit dem Wasser haͤufig
aufsteigende Gas, wie gesagt, alles zersprengen und entzuͤnden
wuͤrde. Die Chinesen glauben, dieß sey das Feuer der Hoͤlle, und
fuͤrchten es sehr. In der That ist es heftiger als das
gewoͤhnliche, es ist sehr uͤbel riechend, und gibt einen schwarzen
und diken Rauch. Hier ist das Feuer zu klein, um das Salz zu kochen. Die großen
Feuerbrunnen sind in Tsé-LicouTsing, 40 Stunden weit. Fuͤr
die vielen Salzbrunnen braucht man eine erstaunliche Menge Steinkohlen. In
diesen Gruben befindet sich auch viel entzuͤndliches Gas, und man kann
dort keine Lampen brennen. Die Bergleute behelfen sich tappend, indem sie sich
nothduͤrftig mit einem Gemenge von saure de
bois und Harz leuchten, welches ohne Flamme brennt, und nicht verlischt
(?). Diese Salzbrunnen und Kohlenwerke beschaͤftigen hier eine ungeheuere
Menschenmenge es
gibt reiche Leute, die gegen 100 solcher Salzbrunnen haben. Wenn sie die
Salzbrunnen graben, finden sie meistens in 1000' Tiefe eine harzige Kohle, die
selbst im Wasser brennt.99) Man gewinnt davon 400 bis 500 Pfund. Diese Kohle ist sehr stark
riechend, man gebraucht sie, um die Gebaͤude zu erleuchten, in denen die
Salzbrunnen und Kesseln sind. Die Mandarinen kaufen oͤfters auf Befehl
des Kaisers viele tausend Pfund, um die Felsen in den Fluͤssen zu
calciniren, die die Schifffahrt hindern. Wenn ein Schiff verungluͤkt,
beschmiert man einen Stein mit dieser Kohle, entzuͤndet ihn, und wirft
ihn in's Wasser; diese unterwaͤsserige Lampe macht die Taucher Alles
sehen.“
Ueber die vorerwaͤhnten Feuer- (Gas-) Brunnen aͤußert
sich nun Hr. Imbert in einem spaͤtern Schreiben
aus Tsé-Licou-Tsing vom 13. Septbr. 1827 folgender Maßen:
„Tsé-Licou-Tsing liegt im Gebirge an einem kleinen
Flusse, es enthaͤlt gleichfalls Salzbrunnen auf selbe Art gemacht, wie in
Ou-Tong-Kioa, aber uͤberdieß eines der groͤßten
Naturwunder, so man sehen kann. In einem Thale naͤmlich befinden sich
vier Brunnen, die kein Wasser, und nur Feuer in einer wahrhaft unglaublichen
Menge liefern. Diese Brunnen gaben im Anfang Salzwasser, da dieses aber
versiegte, so drang man, um wieder neues Wasser zu erhalten, vor ein Duzend
Jahren bis 3000' (?) und mehr Tiefe; dieß war vergeblich, aber es drang
augenbliklich eine ungeheuere Luftsaͤule hervor, welche sich in große
schwaͤrzliche Daͤmpfe verwandelte. Ich habe sie selbst gesehen.
Dieß aͤhnelt nicht dem Rauche, sondern vielmehr dem Dampfe eines
gluͤhenden Ofens. Diese Luft entweicht mit einem schreklichen
Getoͤse und Geschnarche, welches man sehr weit hoͤrt. Es zieht und
dringt unaufhoͤrlich hervor, und endet niemals. In der Entfernung einer
Stunde ist ein kleiner, eine halbe Stunde umfaͤnglicher sehr tiefer See;
er ist ohne Verbindung mit dem nahen Flusse, und liefert bloß
gewoͤhnliches Wasser., Die Muͤndung des Brunnens ist mit einer
Bedekung von Quadersteinen von 6 bis 7' Hoͤhe umgeben, damit aus Zufall
oder Bosheit kein Feuer dazu kommen koͤnne. Dieses Ungluͤk geschah
im August 1826. Dieser Brunnen ist in der Mitte eines weitlaͤufigen
Hofes, welcher von vier langen und großen Hallen umgeben ist, worin die
Salzpfannen stehen. So wie das Feuer an die Muͤndung des Brunnen
gelangte, erfolgte eine schrekliche Explosion und ein ziemlicher Erdstoß.
Im Augenblike war die Oberflaͤche des Hofes eine Flamme, welche
ungefaͤhr 2' hoch auf dem Boden hin und her flakerte, ohne etwas zu
zuͤnden. Vier Menschen wagten sich, und trugen einen ungeheueren Stein
auf die Muͤndung des Brunnen, doch wurde er sogleich in die Luft
geschleudert, drei von den Traͤgern verbrannten, nur der vierte rettete
sich; weder Wasser noch nasse Erde koͤnnen das Feuer loͤschen.
Endlich nach zwei Wochen riesenmaͤßiger Arbeit traͤgt man eine
große Menge Wasser auf einen nahen Berg, man bildet einen Teich, und sticht ihn
ploͤzlich ab, das daher stroͤmende Wasser loͤscht endlich
die Flamme. Die Kosten betrugen 20,000 Frank., welches in China eine große Summe
ist.“
„Einen Fuß unter der Erde auf den vier Seiten des Brunnen sind vier
ungeheuere Bambusroͤhre eingelassen, welche die Luft unter die Pfannen
leiten. Ein einziger Brunnen macht deren mehr als 300 kochen, wovon jede eine
eigene Feuerroͤhre hat. An dem Ende der Bambusroͤhre ist eine 6''
lange Roͤhre von Toͤpferthon aufgesezt, welche 1'' Lichte hat;
diese Erde verhindert den Bambus zu zuͤnden. Andere Roͤhren,
welche nach außen laufen, beleuchten die Gaͤnge und die großen
Kochpfannen. Der unnoͤthige Ueberrest wird durch eine Roͤhre
außerhalb des Gehoͤftes geleitet, und bildet dort drei ungeheuere Essen
oder Feuerstrahlen, welche 2' uͤber die Oeffnung herausflakern. Die
Oberflaͤche des Bodens im ganzen Hofe ist außerordentlich heiß, und
brennt unter den Sohlen. Im Winter graben die Armen in einer Rundung den Sand
auf, ungefaͤhr 1' tief, diese Grube zuͤnden sie mit einer Hand
voll Stroh an, und warmen sich so an diesem nie verloͤschenden Feuer;
wollen sie dieses bewirken, so werfen sie den Sand wieder auf die Grube. Die
Kochpfannen haben 4 bis 5'' Dike, doch verkalken oder schmelzen sie in wenigen
Monaten. Das Salz ist hart wie Stein, weißer als das von
Ou-Tong-Kiao, und von besserem Geschmak.“
Obgleich diese Erzaͤhlung außerordentliche und fuͤr unsere dermalige
Geognosie schwerer zu loͤsende Erscheinungen enthaͤlt, so
koͤnnen wir doch weder innere noch aͤußere Gruͤnde finden,
warum wir den Angaben des Hrn. Imbert im Ganzen nicht
glauben sollten. Eine Erzaͤhlung von Edelsteinen und Gold, oder wenn dieselbe
das Erscheinen von symbolischen Figuren etc. enthielte, duͤrfte dem Verdachte
einer schriftstellerischen Dekorirung oder Befangenheit weniger entgehen, aber
Steinkohlen und brennbares Gas sind Dinge, welche nicht wohl eine derlei Ursache
zulassen. – Und so wird es denn einem zukuͤnftigen naturhistorischen
Reisenden nach jenen Gegenden uͤberlassen bleiben, diese hoͤchst
interessanten Facta vollkommen aufzuhellen.